Beurteilungen im Bildungssystem – über die Notwendigkeit von Noten in der Schule
Sören schreibt im Geheimblog über seine Sicht zum Thema Schulnoten, dass er sie komplett ablehnt und sich eine Schule ohne Benotung wünscht. Seiner Meinung nach dienen Noten alleine dazu Menschen in Schubladen zu kategorisieren, damit die Wirtschaft eine Bewertungsgrundlage zum aussortieren hat. Das Thema kommt jedes Jahr, meist zur Zeugnisvergabe, wieder in die Medien und ist auch regelmäßig Inhalt pädagogischer Studien. Eine interessante Übersicht und eine Sammlung von Links zu Studien findet sich übrigens bei Wikipedia.
Die meistgehörte Begründung für Noten ist die Gewöhnung von Schülern an den Leistungsdruck unserer Gesellschaft. Menschen denken meist in Kategorien und Hierarchien (Ein Erbe der Sippenstruktur der Steinzeit). Schon im Kindergarten schaffen Kinder von sich aus eine Rangordnung und bilden Gruppen mit einem Anführer. Die betrifft sowohl Jungs als auch Mädchen. Nun sollen Noten in der Schule helfen Leistungen zu unterscheiden.
Sören schreibt dazu:
Auch wird von den Noten Befürwortern oft gesagt, dass Menschen einen Vergleich brauchen. Sie wollen Besser sein als Andere und ziehen dafür die Noten heran. (Nur so nebenbei, ist das überhaupt erwünschenswert das sich Schüler schon ab der 3.Klasse über andere stellen wollen und die Lehrer dieses noch Unterstützenmüssen?). Nun mein Frage an all diese, wenn ihr euch mit anderen in anderen Lebenslagen und Aufgaben vergleicht, denkt ihr da auch in Noten? „Du mein Nachbar bekommt auf seinen Rasen nur eine 3, ich eine 2“.
Tatsächlich benoten sich Menschen nicht dauernd nach diesem Schema, aber trotzdem findet ein Vergleich, mit “besser” oder “schlechter” statt. Bewertungen und Leistungsvergleiche sind elementare Bestandteile unseres Lebens. Wir vergleichen dauernd Produkte oder Leistungen im Sport oder in Spielen. Und natürlich vergleichen wir uns auch untereinander. Daher kommt ja auch die Aufmerksamkeit die viele Prominente oder Reiche erhalten. Wir beneiden Menschen die großes Leisten oder einfach in irgendeinem Bereich besser sind als wir.
Die Funktion von Noten
Noten erfüllen in der Schule zwei wesentliche Funktionen, eine pädagogische und eine gesellschaftliche. Zur pädagogischen gehört das Feedback für den Schüler über seine Leistung, eine Motivationsfunktion um einen Anreiz zu schaffen sich zu verbessern und auch zur Disziplinierung der Schüler (insbesondere Kopfnoten). Zusätzlich dienen sie natürlich auch einer Berichtsfunktion an das Elternhaus, das damit die Leistung seiner Sprösslinge in den Unterrichtsfächern einschätzen kann. Die gesellschaftlichen Funktionen sind etwas abstrakter. Die wichtigste gesellschaftliche Funktion ist jedoch die Selektionsfunktion in der Wirtschaft und an Universitäten (Numerus Clausus). Noten dienen dazu Leistungen darzulegen um sich damit zu Bewerben.
Nun kann man natürlich darüber streiten ob Noten die pädagogische Wirkung erzielen, die sie sollen oder ob es sinnvoll ist einen Menschen rein nach seinem Schulzeugnis zu beurteilen. Doch finde ich funktioniert das System so ganz gut. Unternehmen und Universitäten bekommen eine Vielzahl von Bewerbungen und brauchen Kriterien nach denen sie auswählen. Noten sind dabei eine einfache Möglichkeit um zumindest eine Vorauswahl zu treffen. Danach folgen ja meist noch Einstellungstests und persönliche Gespräche um einen möchglichst guten Eindruck des Bewerbers zu bekommen. Einige Einstellungsverantwortliche nehmen auch andere Wege, wie z.B. Probearbeitstage oder lassen sich in manchen Berufen Werkstücke des Bewerbers zeigen (z.B. bei Handwerkern, Programmierern).
Noten in der Schule
Das Ziel von Noten in der Schule besteht im Vergleichen von Leistungen, sowie dem Schaffen eines Anreizes sich zu verbessern. Problematisch wird es erst dann, wenn Schüler sich anstrengen, nur schlechte Noten bekommen und demotiviert werden. Normalerweise sollte dann ein Lehrer da sein, der dem entsprechenden Schüler hilft und ihm zeigt wo er was tun muss und der Schüler sich auch hinsetzt und lernt. Leider findet dies meist nicht statt, da Lehrer zu viele Schüler in einer Klasse haben und keine individuelle Förderung mehr stattfinden kann oder die Schüler es versäumen zu lernen, sei es aus Faulheit oder fehlender Unterstützung. Doch hat dies meiner Meinung nach wenig mit dem System der Notengebung, als vielmehr mit den Rahmenbedingungen der deutschen Schule zu tun.
Oft wird auch die subjektive Vergabe von Noten bemängelt. Die Beurteilung von Menschen ist eine schwierige Angelegenheit, was man ja schon beim Versuch merkt sich selber zu bewerten. Deshalb besteht die Notenvergabe meist aus einer schriftlichen Note, die aus Klausuren, Hausarbeiten oder ähnlichem hervorgehen, und einer mündlichen Note die eine Einschätzung des Lehrers wiederspiegelt. Das diese nicht 100% korrekt sein kann ist allen klar, eine rein schriftliche Note kann auch zum Nachteil des Schülers werden. Einmal einen schlechten Tag gehabt und die Jahresnote ist versaut. Meiner Erfahrung nach haben die meisten Lehrer aber genug Übung im Einschätzen von Schülern, so dass eine wirklich ungerechte Bewertung eher selten sein dürfte.
Das Noten auch oft als Disziplinierungsmittel benutzt werden halte ich nur teilweise für problematisch. Irgendein Mittel benötigen Lehrer um Disziplin zu schaffen. Dies wäre aber nicht nötig, wenn es einen fairen und respektvollen Umgang zwischen Lehrer und Schülern geben würde.
Wie wichtig ist die Frage für das Schulsystem?
Es gibt viele alternative Bewertungssysteme (siehe z.b. Waldorfschule und Alternativschule). Diese kommen ohne Bewertungssysteme aus, ob die Schüler dadurch Vor- oder Nachteile im späteren Leben habe, kann ich leider nicht beurteilen. Ich denke aber, dass die Notengebung in der Schule eher ein untergeordnetes Problem darstellt. In einem System, dass stark sozial Selektiert, an Geld- und Personalmangel leidet, veraltete pädagogische Konzepte benutzt, Wissen eintrichtert ohne Fähigkeiten zu vermitteln und den Kindern die natürliche Neugier und Lust zum Lernen nimmt, hat größere Probleme als die Frage ob Notengebung nun gut oder schlecht ist.
Ich denke, das Bildungssystem ist nur eines von vielen Sachen, die in diesem Land verbessert werden könnten. Das die Politik das alles verbessern kann ist mir klar. Aber ich finde, sie könnten sich etwas mehr Zeit nehmen und nicht irgendwelche Hau-Ruck-Aktionen starten, bei denen so ein Schwachsinn wie das achtjährige Gymnasium herauskommt. Dabei wurde nämlich nicht bedacht, dass die Schulen nun Bücher kaufen müssen, die nie wieder verwendet werden und so ein Ansturm auf Universitäten sein wird, dass viele 2012 keine Studienplatz bekommen werden. Die Regierung sollte sich lieber Zeit nehmen, das Bildungssystem oder die Soziale Struktur zu verbessern, antstatt sich mit entweder banalen Themen auseinanderzusetzen oder zu wichtigen Themen die falsche Entscheidung zu treffen.
Nairolfo